Wenn die Opfer leiden

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Rolf Goertz


Aus meiner Psycho-Sprechstunde  

Vor mir sitzt eine 34jährige junge Frau, gezeichnet von körperlichen und seelischen Schmerzen, die sie seit ihrer Trennung von ihrem Partner vor drei Jahren erleiden muss. Sie hat zwar ihre Wohnung gewechselt, aber der Stalker – ihr Ex-Partner – blieb ihr erhalten.  
Die Bedrohungsskala ist weit: unerwünschte und belästigende Telefonanrufe, – ihren Anrufbeantworter hat sie bereits abgeschaltet-, eMails – ihren Account hat sie gewechselt – Blumengrüße zu allen denkbar möglichen Anlässen, Begegnungen an der Haustür, vor der Firma ihres Arbeitgebers, oder „zufälligerweise“ beim Einkaufen im Supermarkt oder anderen Geschäften. Wo sie auch immer ist, ihr Stalker folgt ihr.

Stalking ist eine Straftat

Nach §238 STGB ist Stalking (Begriff stammt aus dem Englischen = to stalk = jagen, hetzen, verfolgen (Jägersprache) ) ein Straftatbestand. Dieser wird definiert als das willentliche, wiederholte und beharrliche Verfolgen oder Belästigen einer Person, deren physische und psychische Unversehrtheit dadurch unmittelbar, mittelbar oder langfristig bedroht oder beschädigt werden kann.


 
Vor dem Hintergrund, dass fast jedes vierte Stalking-Opfer über Selbstmord nachdenkt, ist die Inanspruchnahme einer therapeutischen Hilfe des Opfers sowie eine polizeiliche Anzeige dringend anzuraten.

Überwiegend Ex-Partner sind Stalker

In der Regel hat der Stalker die Beendigung einer Beziehung als eine Demütigung empfunden, denn das Beziehungsende kann und will er nicht akzeptieren. Nachwievor ist er von einer noch immer bestehenden gegenseitigen Liebe überzeugt. Gespräche im beider Bekannten- oder Freundeskreis über die beendete Beziehung deutet der Ex-Partner als einen Hinweis, wieder Kontakt aufzunehmen.


 

Stalking aus Rache

Viele Personen, die beratende Funktionen ausüben, werden Opfer von Stalkern, die, geprägt von einer gestörten Persönlichkeit, sich selbst als das wahre aber abgewiesene Opfer sehen. Selbst im Internet wird ständig versucht, andere zu diskreditieren.

Schweigen ist der falsche Weg

Monatelanges Schweigen von Betroffenen ist der falsche Weg, denn je mehr Angst der/die Betroffene hat, führt dies zu einer Befriedigung des Stalkers. Betroffene schweigen aus Scham, zumal sie in vielen Fällen glauben, selbst Schuld an ihrer misslichen Lage zu haben. Sie fühlen sich im Kreislauf von großen Ängsten gefangen. Da sie oft von ihrer Familie oder von Freunden, die eine Bedrohungslage nicht erkennen oder erkennen wollen, missverstanden werden, hegen Betroffene – fast jeder vierte – als endgültige Lösung Selbsttötungsgedanken.

Kurzer Weg in die Eigen-Isolation

Da die Privatsphäre des/der Betroffenen „aufgebrochen“ wird, somit kein eigener Schutzraum zum Selbstschutz mehr vorhanden ist, wird sich in eine soziale Isolation zurückgezogen. Jedes Telefonläuten, jedes Klingeln an der Haustür, jedes Abschließen der Haustür verursachen Ängste, Kopfschmerzen, Depressionen, Panikattacken oder Belastungsstörungen, die in Träumen oder Albträumen ihren Widerhall finden. Wenn dies nicht therapeutisch sofort behandelt wird, können diese Störungen in einen chronischen Verlauf münden und zu einer andauernden Persönlichkeitsänderung führen.


 

Weg zum Stalking-Ende

In meiner Praxis hat sich gezeigt, dass ein unabdingbares Ziel sein muss, dass Opfer im Angehen notwendiger Schritte zu bestärken, dass Tun des Stalkers zu beenden, um jegliches „Verrücktwerden“ des Opfers aufgrund einer wahrgenommenen Ausweglosigkeit zu verhindern.

Hierzu gehören: unmissverständlich dem Stalker klar machen, jeglicher weiterer Kontakt wird untersagt, eine unbedingte Dokumentation der Stalking-Handlungen z.B. in einem Tagebuch anfertigen, Information über Stalking an das berufliche oder private Umfeld des/der Betroffenen abgeben und unbedingte Anzeige bei der Polizei vornehmen.

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